Pescarus sur (Larus canus)

Die Sturmmöwe (Larus canus) ist eine Vogelart aus der Familie der Möwen (Laridae) und die kleinste Art der Gattung Larus. Ihre Verbreitung liegt vorwiegend in den gemäßigten Breiten und reicht durch ganz Eurasien sowie über die Beringstraße hinweg im Nordwesten Nordamerikas von Alaska bis Zentralkanada. Im Ostteil Nordamerikas wird die Art ökologisch durch die sehr ähnliche, etwas größere und nahe verwandte Ringschnabelmöwe ersetzt. Die amerikanische Unterart wird von manchen Autoren auch als eigene Art angesehen.

 

Die Sturmmöwe brütet meist in kleineren Kolonien von bis zu 50 Paaren, es kommen jedoch an der Küste bisweilen auch größere mit mehreren tausend Paaren vor. Das Nest wird meist am Boden errichtet, kann aber auch erhöht liegen und sogar Baumnester kommen vor. Wie die meisten Möwen ernährt sich die Art omnivor. Die größten Brutbestände finden sich in Küstengebieten, aber auch Flusslandschaften, Moore und Sümpfe im Binnenland werden besiedelt. Während in Europa viele Vögel im Winter nur kurze Strecken wandern oder in den Brutgebieten verbleiben, ziehen die Vögel im übrigen Verbreitungsgebiet regelmäßig auch weiter. Dabei ziehen die Vögel des mittleren Eurasiens südwestwärts und überwintern zum Teil im Bereich des östlichen Mittelmeeres.

 

Der Bestand der Sturmmöwe hat in Europa während des zwanzigsten Jahrhunderts wie der vieler anderer Möwen stark zugenommen, war gegen Ende desselben aber in leichtem Rückgang begriffen. Die Art ist jedoch nicht bedroht.

 

Die Sturmmöwe ist mit 40–45 cm Körperlänge und einer Flügelspannweite von 100–130 cm etwas größer als eine Lachmöwe und deutlich kleiner als eine Silbermöwe. Sie ist sozusagen eine zierlich gebaute Ausgabe, der größeren Larus-Arten; im Vergleich zur Silbermöwe ist der Kopf rundlicher, der Schnabel feiner, die Flügel schmaler. Im Sitzen wirkt die Brust gewölbt, der Hinterleib schlank. Der Flug wirkt gemächlich mit kraftvollen Flügelschlägen; im Gleitflug werden die Flügel etwas angewinkelt. Die Geschlechter unterscheiden sich nicht. Junge Sturmmöwen sind ab dem dritten Jahr voll ausgefärbt.

 

Adultkleider

 

Bei adulten Vögeln im Brutkleid sind Schnabel und Beine gelb; die Färbung variiert individuell zwischen orangegelb und grünlich gelb. Die Iris ist braun, das Auge von einem roten Orbitalring umgeben. Kopf, Hals, Unterseite, Bürzel und Schwanz sind rein weiß. Die Oberseite ist bläulich grau. Der Flügel weist wie bei allen Larus-Arten einen breiten, weißen Hinterrand auf. Die Flügelspitze ist schwarz mit einem weißen, subterminalen Spiegel auf den äußeren Schwingen und weißen Spitzen. Die Schwarzfärbung reicht über die äußeren sechs Handschwingen und die Ausdehnung nimmt zum Armflügel hin ab, so dass sie auf der fünften Handschwinge nur noch auf ein subterminales Band beschränkt ist. Beim sitzenden Vogel fallen die weißen Spitzen der Handschwingen, die den Schwanz um 5–7 cm überragen, als feine weiße Punkte auf. Ebenfalls auffällig sind beim sitzenden Vogel die breiten, weißen Spitzen der Schirmfedern.

 

Im adulten Schlichtkleid ist der Kopf verwaschen graubraun gestrichelt. Die Strichelung ist auf dem Scheitel und am Auge verdichtet; außerdem wird sie im Nacken gröber und wirkt hier oft streifig. Der Schnabel ist blass gelblich bis hell blaugrau und zeigt auf dem vorderen Teil eine schmale, schwarze Binde, die jeweils auf Ober- und Unterschnabel etwas zur Spitze hin gebogen ist, so dass sie z-förmig erscheint. Die Beine sind grünlichgelb.

 

Subadulte Kleider

 

Im Jugendkleid ist der Schnabel dunkel mit hellerer Basis. Das Auge ist dunkel. Oberkopf, Nacken und Halsseiten sind auf weißlichem Grund verwaschen graubraun fleckig bis gestrichelt. Die verwaschene Zeichnung verdichtet sich um das Auge, auf den Ohrdecken und im Nacken. Sie reicht bis auf die Brustseiten und Flanken; die übrige Unterseite ist schmutzig weiß. Der vordere Rücken ist relativ einfarbig graubraun. Der übrige Rücken, Schulterfedern, kleine und mittlere Armdecken wirken durch braune Federzentren und helle Säume geschuppt. Davon heben sich die graubeigen großen Armdecken, von denen nur die inneren einen hellen Spitzensaum und ein subterminales, braunes Zentrum haben, als helles Band ab. Die dunkelbraunen Armschwingen zeigen aufgrund von hellen Spitzen einen breiten, weißlichen Saum, der auf den inneren Handschwingen ausläuft. Der überwiegend schwarzbraune Handflügel zeigt aufgrund von hellen Basen der inneren Handschwingen ein helles Feld zum Armflügel hin. Der Unterflügel zeigt aufgrund dunkler Spitzensäume ein auffälliges Muster. Der Bürzel ist hell graubraun, die Oberschwanzdecken zeigen auf weißlichem Grund dunkle, pfeilförmige Zeichnungen im Bereich des Schaftes. Der weißliche Schwanz trägt eine breite, braunschwarze Subterminalbinde. Die Beine sind fleischfarben.

 

Ab September mausern diesjährige Vögel ins erste Schlichtkleid. Dabei wird das Gefieder an Kopf, Brust und Oberseite erneuert. Der Kopf ähnelt nun dem adulter Vögel im Winter, die braungraue Strichelung reicht aber oft bis auf Brustseiten und Flanken. Der einfarbig hellgraue Mantel und Rücken setzt sich vom noch juvenilen Flügelgefieder mit bräunlichen Federzentren und hellen Säumen ab. Dieser Kontrast verstärkt sich zum Frühjahr hin, wenn das Flügelgefieder ausgebleicht ist und daher sehr hell wirkt. Das Merkmal kann auch im Flug auffällig sein. Der Bürzel ist nun meist komplett weiß und setzt sich scharf gegen die dunkle Schwanzbinde ab. Die Schnabelbasis ist gegenüber dem Jugendkleid sichtlich aufgehellt, die Beine immer noch fleischfarben.

 

Im zweiten Winter ist die dunkle Schnabelbinde meist breiter und auffälliger, als bei voll ausgefärbten Vögeln. Die Handdecken sind zum Teil noch schwärzlich gefärbt, die weißen Spitzen der Handschwingen und der helle Spiegel auf den beiden äußeren Handschwingen sind noch nicht so ausgedehnt wie bei adulten Vögeln und daher unauffälliger. Auch auf den Schirmfedern können sich noch dunkle Zentren finden; Reste der Schwanzbinde können noch bei einzelnen Steuerfedern angedeutet sein.

 

Stimme

 

Die Sturmmöwe ist vor allem zur Brutzeit recht ruffreudig und weist wie alle Möwen ein breites Rufrepertoire auf. Der Hauptruf (Hörbeispiel) ist ein helles, manchmal leicht quiekendes und nasales kiä oder kia, das weniger kräftig und höher ist, als der entsprechende Ruf der Silbermöwe, und bei Erregung gereiht werden kann. Das Jauchzen (long call, Hörbeispiel) ist höher, im Mittelteil oft schriller und schneller.Der als Stimmfühlungs- und Kontaktruf geäußerte „Katzenruf“ (mew call) wird als weiches, leises, teils jaulendes oder manchmal vibrierendes oiiiie beschrieben. Als Alarmruf wird ein staccatoartiges, tiefes gä gä gä oder wä wä wä geäußert. Der Bettelruf des Weibchens bei der Balz ist ein hohes, feines kliä; bei der oft folgenden Begattung ist ein an- und abschwellendes, tiefes Gackern zu vernehmen (Hörbeispiel).

 

Verbreitung

 

Das nahezu zirkumpolare Brutareal der Sturmmöwe umfasst große Teile der Paläarktis und einen großen Teil der westlichen Nearktis.

 

In Nordeuropa kommt die Art auf Island, auf den Färöern und in fast ganz Fennoskandien vor. Sie besiedelt den Nordteil der Britischen Inseln und sporadisch auch den Südteil. In Westeuropa gibt es ferner vereinzelte Brutvorkommen in Frankreich und in Portugal. In Mitteleuropa brütet die Art nur selten an der Nordsee, größere Vorkommen gibt es an der Ostsee in Dänemark, Deutschland, Polen und im Baltikum. Im Binnenland reichen einzelne Vorkommen bis ins Alpenvorland und nach Ungarn.

 

Ostwärts erstreckt sich die Verbreitung in einem breiten Gürtel durch ganz Asien bis nach Kamtschatka, zum Anadyrgolf und bis auf die Kurilen. Im Süden reicht das Areal dort durch die Kirgisische Steppe, bis Tuwa und zum Baikalsee, durch Daurien und das Stanowoigebirge. Südlich des Kaukasus gibt es jedoch Brutvorkommen noch in Armenien und im nordwestlichen Iran.

In Nordamerika reicht die Verbreitung im Norden vom Kotzebue Sound in Alaska ostwärts durch das Tal des Yukon River südlich der Brooks Range und durch das gesamte Yukon Territory. In den Northwest Territories reicht das Areal von der Mündung des Mackenzie River ostwärts bis zum Horton River und südwärts bis zum Great Slave Lake. In einem Ausläufer erstreckt es sich dann südwärts bis ins nordöstliche Alberta und in den Norden Saskatchewans, wo die Art noch etwa bis zum Lake Athabasca und zum Wollaston Lake regelmäßig vorkommt. Brutzeitbeobachtungen liegen vom Reindeer Lake vor, gelegentliche Bruten gab es bis ins nordöstliche Manitoba. entlang der Pazifikküste verläuft ein weiterer Ausläufer, der auch noch den Nordwesten von British Columbia umfasst, dann aber in einem recht schmalen Küstenareal bis Vancouver Island reicht, wobei die Art jedoch auf Haida Gwaii als Brutvogel fehlt.

foto:Mihai Baciu