Neuntöter (Lanius collurio)

Der Neuntöter (Lanius collurio) oder Rotrückenwürger ist eine Vogelart aus der Familie der Würger (Laniidae) und in Mitteleuropa die häufigste Würgerart. Er ist vor allem durch sein Verhalten bekannt, Beutetiere auf Dornen aufzuspießen.

Zu seiner Nahrung zählen vorwiegend Großinsekten, aber auch kleine Säugetiere und Vögel. In großen Teilen Europas und dem westlichen Asien heimisch, brütet er in halboffenen Landschaften, die ein gutes Angebot an Hecken und Sträuchern aufweisen. Die Nester werden bevorzugt in Dornsträuchern angelegt. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft musste der Neuntöter in Mitteleuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts große Bestandseinbußen hinnehmen. Der Zugvogel überwintert im südlichen Teil Afrikas.

Der Name Neuntöter bezieht sich auf den irrigen Volksglauben, er würde erst neun Beutetiere aufspießen, bevor er sie verspeist. Oder wie der Zedler es im 18. Jahrhundert ausdrückte: „… und wollen etliche, wiewohl ohne genungsamen Grund, davor halten, es genieße dieser Vogel nichts, er habe denn neunerley todt gemachet, als wovon er den Namen Neuntödter erhalten haben soll.“ Hieraus entstanden auch ähnliche Namen wie Neunmörder (niederdeutsch Negenmörder) oder Neunwürger. Ebenfalls auf das „Spießen“ bezieht sich der Name Dorndreher (niederdeutsch Dorndreier), Dornreich, Dornkreul oder Dorntreter. Die Bezeichnung Falkensänger scheint auf seinen falkenartigen Schnabel hinzudeuten. Im Niederdeutschen ist ferner der Name Dickkopp bekannt, was die würgertypischen Proportionen lapidar, aber recht treffend beschreibt.

Da selbst noch im 18. Jahrhundert nicht einwandfrei zwischen den Arten (oder Geschlechtern) unterschieden wurde, sondern bisweilen alle einheimischen Würger als „Neuntödter“ bezeichnet wurden, sind nicht alle volkstümlichen Namen eindeutig Lanius collurio zuzuordnen. Diese Art wurde offensichtlich auch als „kleiner Neuntödter“ bezeichnet. Namen mit Bezug zur Elster wie z. B. Berg-, Wild-, oder Kruckelster bezeichnen vermutlich, da sie sich wohl auf die schwarz-weiße Färbung beziehen eher den Raubwürger. Weitere Namen, die sich in alten Nachschlagewerken finden, sind Quargringel (oder Quarkringel, vielleicht auf Ruf und Bänderung bezugnehmend) oder Rabraker.

Der Neuntöter ist mit 16–18 cm Länge die kleinste mitteleuropäische Würgerart. Er zeigt einen sehr ausgeprägten Sexualdimorphismus – Männchen und Weibchen unterscheiden sich deutlich in der Färbung.

Die Flügellänge beträgt durchschnittlich 93 (91–95) mm, beim Männchen liegt sie zwischen 88 und 100 mm, beim Weibchen zwischen 82 und 98 mm. Die Länge des Schwanzes liegt beim Männchen zwischen 71 und 90 mm, beim Weibchen zwischen 68 und 85 mm. Das Durchschnittsgewicht liegt bei den Männchen etwa bei 28 Gramm. Bei den Weibchen kann es sich während der Brutzeit auf 32,8 Gramm erhöhen und liegt außerhalb der Brutzeit etwa bei 28,5 Gramm. Vor dem Zug können Fettdepots gebildet und das Gewicht auf maximal 37 g erhöht werden. Dies ist aber anscheinend nicht die Regel.

Das Männchen hat, worauf der Name „Rotrückenwürger“ hinweist, einen rostrotbraunen bis kastanienbraunen Rücken und ebensolches Schultergefieder. Oberkopf und Nacken heben sich mit ihrem hellen Blaugrau deutlich davon ab. Wie auch andere Lanius-Arten haben Neuntöter eine schmale, schwarze Gesichtsmaske, in der das dunkle Auge aus der Entfernung gesehen oft optisch fast völlig verschwindet. Die Maske wird manchmal vom grauen Oberkopf durch einen undeutlichen, verwaschen weißen Überaugenstreif begrenzt, der oft hinter dem Auge etwas ausgeprägter ist. Die Deckfedern der Flügel sind rötlichbraun mit deutlich hellerer und rötlicherer Randung; die Handschwingen sind kastanienbraun mit hellerer Randung und die Armschwingen ungerandet dunkelbraun. In seltenen Fällen tritt ein weißer Handschwingenspiegel auf. Dieser wird von einer mehr oder weniger ausgeprägten Weißzeichnung an der Basis der Handschwingen gebildet. Der Bürzel ist – teilweise bis auf den unteren Rücken – grau gefärbt. Der Schwanz zeigt eine kontrastreich schwarz-weiße, löffelförmige Zeichnung: die mittleren Steuerfedern sind größtenteils schwarz, dann folgen Federn mit viel Weiß im oberen Bereich, das zu den äußeren Schwanzfedern hin zunimmt. Die Steuerfedern sind an den Spitzen schmal weiß gesäumt. Die Unterseite ist meist weißlich bis cremefarben, oft sind Flanken und Brust leicht lachs- bis rosafarben getönt.

Das Weibchen zeigt im Gegensatz zum Männchen keinen grauen Oberkopf. Beim Weibchen ist die gesamte Oberseite einfarbig rötlich braun, meist etwas weniger lebhaft als beim Männchen. Die Gesichtsmaske ist undeutlicher, meist dunkelbraun bis schwärzlich angedeutet, das Auge hebt sich deutlicher davon ab. Dafür tritt der helle Überaugenstreif deutlicher hervor. Der Schwanz ist meist einfarbig braun mit weißen Säumen. Die Unterseite ist rahmfarben bis beige und zeigt an Brust und Flanken eine teils nur angedeutete, teils kräftige dunkle Schuppung („Sperberung“). Diese ist manchmal auch sehr blass auf dem Rücken zu sehen. Mit dem Alter kann die Schuppung verblassen, das Weibchen nähert sich in der Färbung dann immer mehr dem Männchen an.

Der Neuntöter zeigt in der Färbung des Gefieders selbst innerhalb lokaler Populationen in Mitteleuropa eine große Variation. Neben dem oben beschriebenen Normaltypus kommen bei Männchen häufig bedeutend grauere Individuen vor, bei denen das Grau von Kopf und Bürzel bis weit auf den Rücken und auch in den Schulterbereich ausgedehnt sein kann. Die Hand- und Armschwingen sind bei dieser Morphe oft schiefergrau, ein eventuell vorhandener Flügelspiegel ist daher besonders auffällig. Bei einer zweiten vom Normaltypus abweichenden Färbungsvariante dominieren die rötlichen Partien und dehnen sich weit bis in den Nacken und den Rücken aus. Auf dem Flügel beschränkt sich die rötliche Gefiederfärbung nicht, wie sonst weitestgehend, auf die Säume, sondern erstreckt sich auf große Teile der Fahnen des Deckgefieders und der Schwingen. Auch bei den Weibchen gibt es eine breite Variationsspanne von oberseits besonders grauen, intensiv rotbraunen und „normal“ (rost)bräunlichen Färbungstypen.

Der Schnabel des Neuntöters ist – wie bei allen Würgern der Gattung Lanius – kräftig, seitlich abgeflacht und hat einen ausgeprägten Haken sowie eine leichte Zähnung kurz vor der Spitze des Oberschnabels, die in eine entsprechende Vertiefung des Unterschnabels greift. An der Basis ist er mit ausgeprägten Schnabelborsten versehen. Er ist bei den Jungvögeln hornfarben mit dunkler Spitze, bei den Altvögeln schwarz. Die schwarze Färbung verblasst im Laufe des Jahres und erneuert sich jährlich auf dem Heimzug. Die kräftigen Füße sind bei Jungvögeln graubraun, bei Altvögeln schwärzlich.

Bei der Jugendmauser werden durchschnittlich zwischen dem 28. und 45. Tag das Kleingefieder, sowie die mittleren Arm- und Randdecken erneuert. Dieses Kleid, das wesentlich haltbarer und daher besser für den Zug geeignet ist als das erste Jugendgefieder, tragen die diesjährigen Vögel etwa vier Monate. In den Winterquartieren wechseln sie in einer Vollmauser in das Kleid der Altvögel.

Bei einigen adulten Vögeln findet bereits gegen Ende der Brutzeit eine Teilmauser statt, bei der Teile des Kleingefieders sowie einige der äußeren Armschwingen erneuert werden können. Auch fehlende Steuerfedern oder Schwingen werden dann oft ersetzt. In jedem Fall setzt – sowohl bei Altvögeln als auch bei Diesjährigen – gegen Ende des Herbstzuges eine Vollmauser ein, deren Höhepunkt im Januar liegt und bisweilen erst zu Beginn des Heimzugs im April abgeschlossen ist. Bei dieser wird, sofern nicht bereits geschehen, das gesamte Groß- und Kleingefieder erneuert. Die Großgefiedermauser dauert dabei zwischen 80 und 85 Tagen. Bei den Altvögeln setzt diese Vollmauser meist früher ein als bei den Diesjährigen.

Der Gesang ist ein reiner Balzgesang, der nicht der Revierabgrenzung dient. Er beginnt und endet oft mit den arttypischen, rauen „Dschää“-Lauten und besteht aus leise schwatzenden Reihen von gepressten, rauen Tönen. Diese werden oft mit Imitationen anderer Arten (zahlreiche Singvogelarten, aber auch Nonpasseriformes wie Rebhuhn, Zwergtaucher oder Bekassine) abgewechselt, wobei die Imitationen meist sehr viel leiser und gepresster sind als im Original. Dem Vogel Schwierigkeiten bereitende Teile können auch weggelassen oder durch arttypische Laute ersetzt werden. Berichten zufolge beherrschte ein offensichtlich besonders begabtes Männchen längere Passagen des Feldlerchengesangs sowie mehrere Varianten des Buchfinkenschlages.

Auf dem Zug ist allenfalls sehr verhaltener Gesang zu vernehmen. Erste deutliche Gesangsaktivität setzt aber sofort nach Besetzung der Brutreviere ein. Später ist der Gesang vor allem in Anwesenheit von Weibchen zur Balz zu vernehmen, nach der Verpaarung nur noch gelegentlich (z. B. nach Aufforderung des Weibchens durch dessen rhythmisches Schwanzschlagen) und nach Abschluss des Nestbaus gar nicht mehr. Erst nach dem Flüggewerden der Jungen, etwa im Juli, beginnt das Männchen wieder zu singen. Von nichtbrütenden Männchen ist der Gesang während der gesamten Brutzeit zu hören.

Der Gesang wird meist in aufrecht sitzender Haltung mit kaum geöffnetem Schnabel vorgetragen. Er kann bis zu zehn Minuten oder sogar länger dauern. Dabei sitzt das Männchen oft hoch in den Bäumen. Die Gesangsaktivität beginnt etwa eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang.

Unter den Rufen ist besonders häufig ein raues „Gwää“ oder „Gää“ zu hören. Es dient der Kontaktaufnahme und wird daher in der Phase nach dem Ausfliegen auch oft gegenüber Jungvögeln geäußert. Eine schärfere und kürzere Variante dieses Rufes wird bei Erregung abgegeben – ein „Tschä“ oder „Tschäck“. Der Erregungs- oder Alarmruf ist ein gereihtes, langgezogenes „Dschrä dschrä dschrä“. Als Warnlaut in Anwesenheit von Feinden dient ein lautes, hartes „Teck-teck“.

Der Imponierruf des Männchens ist ein „Tschock“, „Chee-uk“ oder „Ko-ick“, das anstelle eines Reviergesanges meist von Warten aus oder beim Überfliegen des Reviers geäußert wird und auf das andere Männchen antworten oder sogar aggressiv reagieren.

Vor allem das Männchen sitzt gern – oft weithin sichtbar – auf Warten, von denen aus das Revier gut überblickt werden kann. Dies können Sträucher, junge Bäume, Zaunpfähle, Heuballen, Stubbenwälle oder andere exponierte Orte sein. Vor der Bebrütung des Geleges ist das Weibchen meist in der Nähe des Männchens zu finden. In der Regel wird ohne Ortswechsel lange Zeit auf der gleichen Warte verharrt, auf der der Vogel auch längere Zeit ruht, sich putzt oder sonnt. Wird es ihm dabei zu heiß, sucht der Neuntöter kurzfristig Schatten auf. Zwischendurch werden immer wieder Jagdflüge, z. B. auf Großinsekten unternommen, teilweise sind diese mit einem Ortswechsel verbunden. Die favorisierte Warte eines Revierinhabers kann je nach Tageszeit und Sonnenstand wechseln. Der charakteristische Anflug auf Warten erfolgt zielgerichtet und schnell, dann bremst der Vogel kurz ab und lässt sich das letzte, kurze Stück hinaufgleiten.

Der Flug ist meist geradlinig mit unregelmäßigen Flügelabschlägen und – im Unterschied zu anderen Würgern – ohne Bögen. Bei Flügen im Revier wurde eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 33,4 km/h festgestellt.

Bei drohender Gefahr am Nest wird oft der Körper nach unten gebeugt, der Schwanz aufgestellt und mit den Flügelspitzen seitwärts geschlagen. Bei geringerer Erregung wird der aufgestellte Schwanz oft leicht seitwärts gedreht und aufgespreizt.

Übernachtet wird meist mit aufgeplustertem Gefieder in Sträuchern, dabei wird der Kopf nicht unter den Flügel gesteckt. Vor Bebrütung des Geleges übernachten Paare in unmittelbarer Nähe zueinander.

Neuntöter verhalten sich das ganze Jahr territorial. Zu Zusammenschlüssen kommt es auch auf dem Zug nicht. Größere Ansammlungen, beispielsweise an beliebten Rastplätzen, entstehen nur zufällig. Lediglich zum Ende der Brutsaison, nach dem Ausfliegen der Jungvögel, schließen sich manchmal nichtbrütende Männchen den Familien an, beteiligen sich an der Fütterung der Jungen oder betätigen sich als „Vorsänger“. Teilweise vergesellschaften sich nach der Auflösung der Familien Jungvögel verschiedener Bruten mit nichtbrütenden Junggesellen oder Männchen, deren Brutgeschäft abgeschlossen ist. Durch den Wegzug lösen sich diese Gruppen aber schnell wieder auf. Auch in den Winterquartieren kann es bisweilen zu solchen losen Vergesellschaftungen kommen.

Das Brutgebiet des Neuntöters beschränkt sich auf die westliche Paläarktis. Im Westen reicht seine Verbreitung bis Nordportugal, auf der Iberischen Halbinsel kommt er nur im nördlichen Teil vor. In Frankreich fehlt er in der Bretagne, der Normandie und an der Küste des Ärmelkanals. Ein umfangreiches Brutvorkommen auf den Britischen Inseln ist erloschen (siehe Bestandsentwicklung). In Skandinavien besiedelt er Südnorwegen und den Ostseeraum. Im Mittelmeerraum kommt er auf Korsika und Sardinien, in Italien, auf der Balkanhalbinsel und in Kleinasien vor, ferner besiedelt er am östlichen Rand des Mittelmeers einen schmalen Küstenstreifen bis nach Israel.

Auf Sizilien, Kreta und Zypern (nur 1–2 Brutpaare) fehlt er weitgehend. Südlich des Kaspischen Meeres kommt er ebenfalls in einem schmalen Streifen vor, östlich davon endet seine Verbreitung. Nördlich davon erstreckt sie sich aber bis etwa 90° Ost bis in den Altai. Die Nordgrenze der Verbreitung verläuft in einem Bogen nordöstlich der Wolga etwa zwischen 48° und 64° Nord.

Die natürliche Verbreitung der Art scheint im Nordwesten durch häufige Niederschläge, im Norden durch sehr niedrige Tiefsttemperaturen und im Süden entlang der 26-°C-Juli-Isotherme von sehr trockenem Sommerwetter begrenzt zu sein.

Im Osten überschneidet sich sein Verbreitungsgebiet mit dem des nahe verwandten Isabellwürgers (Lanius isabellinus) und dem des Rotschwanzwürgers (Lanius cristatus).

Der Neuntöter ist ein Langstreckenzieher, der im südlichen Teil Afrikas überwintert. Das Hauptüberwinterungsgebiet liegt südlich des Äquators und erstreckt sich, die Regenwaldzone mit dem Kongobecken auslassend, bis in den Norden und Osten Südafrikas. Vereinzelt wurden in nördlicheren Gebieten bis hinein in den Südsudan oder in südlicheren bis zum Kap Überwinterer beobachtet. Die meisten Vögel überwintern in Mosambik, Simbabwe, Botswana und Namibia. Besonders trockene Gebiete, wie das Innere der Kalahari, werden weitgehend gemieden.

Im Winterquartier besetzt der Neuntöter geeignete Standorte in der Dornbusch- und Trockensavanne. Er teilt hier seinen Lebensraum bisweilen mit bis zu 12 einheimischen Würgerarten und dem Schwarzstirnwürger, verhält sich territorial und verteidigt sein Revier teilweise auch gegen andere Arten. In günstigen Habitaten findet sich bis zu ein Revier pro Hektar.

Der Wegzug beginnt im August und wird von den Altvögeln eingeleitet. 1–2 Wochen später folgen die Jungvögel. Die ersten Neuntöter erreichen Nordostafrika bereits im August, Südafrika im September. Ende September ist der Abzug meist abgeschlossen. Seltene Nachweise aus den Brutgebieten stammen aus dem Oktober. Bei diesen handelt es sich meist um Jungvögel aus sehr späten Bruten.

Den Tag zur Nahrungsaufnahme nutzend, zieht der Neuntöter vermutlich ausschließlich nachts. In der Mittagszeit wird geruht. Bei einer Untersuchung auf Karpathos wurden 70–75 km/h Zuggeschwindigkeit festgestellt.

Bei den Zugbewegungen kann grob zwischen den europäischen und den weiter östlich brütenden Populationen unterschieden werden. Jene Vögel, die den Ostteil Russlands und Westsibirien besiedeln, ziehen in Richtung Südsüdwest über die Arabische Halbinsel in die Winterquartiere. Ostwärts gibt es dabei zu Zugzeiten einzelne Nachweise bis in den Westen des Indischen Subkontinents. Der Rückzug erfolgt etwa auf den gleichen Routen: Nach dem Flug über das Iranische Hochland wird das Kaspische Meer im Süden umrundet und Pamir und Altai westlich umflogen.

Die westlichen Populationen hingegen weisen einen ausgeprägten Schleifenzug auf; der Frühjahrszug verläuft auf einer wesentlich östlicher gelegenen Route als der Herbstzug. Im Herbst wird die südliche Mittelmeerküste in einem Bereich gequert, der etwa zwischen der libyschen Kyrenaika und dem Suezkanal liegt. Um diesen Bereich zu erreichen, müssen die Populationen Spaniens oder Frankreichs zunächst ostwärts ziehen, um sich dann über den östlichen Mittelmeerraum südostwärts zu bewegen. Die Brutvögel Skandinaviens ziehen demnach südost- bis südwärts über die Balkanhalbinsel und die Ägäis. Vom Rand des afrikanischen Kontinents erfolgt der Zug darauf in einem schmalen Korridor zwischen 25°–35° Ost gerade südwärts und fächert sich erst nach dem Regenwaldgürtel wieder auf. Einzelne Vögel gelangen dabei aber auch weiter westwärts bis in den Tschad.

Im Frühjahr ziehen die europäischen Neuntöter bereits südlich des Äquators auf östlicheren Routen gen Norden. Diese führen über Äthiopien, Nordsomalia und Eritrea, entlang der Küsten des Roten Meeres an den östlichen Rand des Mittelmeers und über den Sinai. Das Mittelmeer wird im Wesentlichen östlich von Zypern überquert, die Ägäis auf dem Landweg über Anatolien umflogen. Die ersten Heimzügler treffen Anfang Mai in den Brutgebieten ein.

Aufgrund der Zugrouten wurde vermutet, dass der evolutionsgeschichtliche Ursprung der Art im Gebiet um das Kaspische Meer liegt und sie sich von dort aus verbreitet hat.

 

foto:mihai baciu -chettusia